Flucht und Sexualität in einem Körper! von Monzer Haider

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Das offene Sprechen über Sexualität ist trotz moderner Entwicklungen weiterhin stark tabuisiert und moralisch bewertet. Besonders im Zusammenhang mit Flucht wird Sexualität selten mitgedacht, obwohl beide Bereiche eng miteinander verknüpft sein können. Der Text geht der Frage nach, wie Fluchterfahrungen das sexuelle Erleben und die Persönlichkeitsentwicklung geflüchteter Menschen beeinflussen.

Flucht und Sexualität in einem Körper!

von Monzer Haider

Das offene Sprechen und Schreiben über das sexuelle Erleben eines Menschen gehört trotz aller technologischen und industriellen Fortschritte immer noch zu tabuisierten und schambehafteten Themen, die meistens durch die Brille einer moralistischen Überlegenheit betrachtet werden.

Eine solche Feststellung ist auch im Kontext von „Flucht und Sexualität“ wieder zu nden; zwei Kategorien, die auf den ersten Blick nicht zusammengedacht werden.

Doch wie hängen diese zusammen und welche Auswirkungen haben sie auf die Entwicklung der Persönlichkeit eines geflüchteten Menschen?

Flucht und Sexualität in einem Körper!

The voyage had begun, and had begun happily with a soft blue sky, and a calm sea.

Wenn zwei Behauptungen in der Menschheitsgeschichte nicht widerlegt werden kön- nen, dann sind es zum einen, dass Flucht seit der mensch- lichen Existenz ein Bestand- teil der Lebensrealität vieler Menschen ist, und zum ande- ren, dass Sexualität die Essenz einer psychosozialen genuss- orientierten „Bedürfnisses“ ist, die der Mensch bis heute noch entdeckt. Flucht und Sexuali- tät haben die Gemeinsamkeit, dass sie im Rahmen der Kör- pergrenzen zu ihrer tiefen Rea- lisierung kommen. Allerdings herrscht zwischen ihnen eine ewige Spannung, die zur Ent- fremdung des Körpers führt. Flucht ist eine er- zwungene „Entscheidung“ zur Sicherung des Erinnerungs- raums eines Menschen. Man 昀氀ieht also, um ein Leben mit Erinnerungen zu schaffen. Auf dem Fluchtweg entwickelt sich eine besondere Beziehung zwi- schen der 昀氀iehenden Person und ihrem Körper, der plötzlich das Hauptkapital für die Erret- tung des eigenen Lebens wird, auch für diejenigen, die eine körperliche Einschränkung haben. Man ist beim Über- queren von Grenzen, Meeren, Straßen, Bergen und Wäldern

uf den eigenen Körper an- gewiesen, der zu einer vorher nicht entdeckten Ressource mit einem größeren Wert wird. Als ge昀氀üchteter Mensch lernt man viele unentdeckte Ecken des Körpers kennen, spürt neue Muskeln und Körper- teile. Doch wenn der Körper auf dem Fluchtweg nicht die erforderliche Energie liefert, entstehen wutbehaftete Gefüh- le gegen den eigenen Körper, der als Hauptgrund zum Ver- sagen angesehen wird. „Mein Körper verrät mich und führt mich zum Abgrund“ sagt You- nis, als er auf dem Fluchtweg von der Türkei nach Griechen- land war. Die Flucht norma- lisiert das körperliche Leiden und lässt viele der Rechte eines 昀氀iehenden Menschen in die Vergessenheit geraten. Man begibt sich auf gefährliche Wegen und trifft spontan ge- fährliche Entscheidungen, mit der Hoffnung, das eigene Le- ben in Sicherheit zu bringen. Trotz entscheidender Bedeu- tung des Körpers vernachläs- sigt man ihn auf dem Flucht- weg und erlernt, wie man ihn kontrolliert und „erzieht“. Man drückt und vergisst bewusst die eigene sexuelle Sehnsucht und partnerschaftliche Intimität,

sodass die Rechte, die eigene Sexualität selbstbestimmt zu leben, zu einem vergessenem „Ding“ werden. In diesem Moment wird dem ge昀氀üchte- ten Menschen die Entdeckung sexueller Orientierung als Menschenrecht abgesprochen. Seit den zahlreichen sexualisierten Übergriffen gegen Frauen in der Silvester- nacht 2015 in Köln herrschte in der öffentlichen Wahrnehmung ein verbreitetes Bild, mit dem ge昀氀üchtete Menschen (oft als Ausländer:innen bezeichnet) aufgrund ihrer vermeintlichen sexuellen „Unzivilisiertheit“ und Gewaltaf昀椀nität sexuell oft kriminalisiert werden. Dadurch entsteht ein Generalverdacht gegenüber ge昀氀üchteten Men- schen, dass sie aufgrund ihrer vermeintlichen Unfähigkeit sexueller Selbstbeherrschung zu „gefährlichen Wesen“ wer- den, was zur Dehumanisierung und sexuellen Vertierlichung ge昀氀üchteter Menschen führt. Rechtspopulistische Kräfte pro昀椀tieren von solchen dis- kriminierenden Einstellungen und stellen sich als „Beschüt- zer“ der Frauen der Mehrheits- gesellschaft dar. Patriarchale und sexistische Prägungen sind kein lokales Phänomen,

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