Ein Mann – aber auch ein Mensch?
Mann bedeutet Kontrolle.
Mann bedeutet Macht. Mann bedeutet Ehre.
„Ich wünschte, du wärst ein Mann“, sagt er.
Nein – nicht, weil ich seine Ehre verletzt hätte.
Nein – nicht, weil ich nicht unter seiner Macht stehe.
Nein – nicht, weil ich nicht unter seiner Kontrolle bin.
„Ich wünschte, du wärst ein Mann“ – sagt er, damit
meine Erfolge größer wirken.
Patriarchat.
Aber meint er es eigentlich gut?
Wut, Hass und Unsicherheit überkommen mich bei
diesem Wunsch.
Stolz? Der Stolz wäre echt – wenn ich ein Mann wäre.
Mann bedeutet stark.
Mann bedeutet nörgelnd.
Mann bedeutet besserwisserisch.
Was ein Mann sagt, ist immer wahr und muss immer
durchgesetzt werden!
Schweig, einem Mann widerspricht man nicht!
Mann bedeutet Freiheit. Doch Freiheit – die gibt es nur
durch einen Mann.
In einer Gesellschaft, in der du Freiheit nur erlebst,
wenn du ein Mann bist oder durch einen Mann erlebst.
Der Mann hat seine Ehre zu bewahren. Er muss entscheiden.
Ich habe ihn nur ein einziges Mal weinen sehen. Stille.
Ein Mann hat auch Gefühle.
Ein Mann weint. Und plötzlich erkenne ich:
Du bist nur ein kleiner, einsamer
Junge, gefangen im Körper eines Mannes.
Ein Mann, der stark, kalt und gefühllos sein muss.
Ein Mann – in dieser Gesellschaft.
Ein Mann bedeutet Stolz.
Der Ruf eines Mannes steht an erster Stelle. Über
allem. Ja, sogar über dem Mannsein selbst.
Mann bedeutet Führung.
Mann bedeutet Streng sein.
Ein Mann verdient sich seinen „Respekt“ durch Angst.
Angst durch Macht und Kontrolle.
Solange Angst alle dazu zwingt, den Willen eines
Mannes zu befolgen, verliert Respekt seine Bedeutung.
Doch unter Männern selbst zählt Respekt als
unantastbares Band.
Mann bedeutet Schutz.
Durch den Schutz, den ein Mann glaubt zu geben,
begründet er seine Macht.
Mann bedeutet Gefühllosigkeit.
Mann bedeutet Kälte.
Ich habe ihn nur ein einziges Mal weinen sehen.
Stille.
Ein Mann hat auch Gefühle.
Ein Mann weint.
Und plötzlich erkenne ich:
Du bist nur ein kleiner, einsamer Junge, gefangen im
Körper eines Mannes.
Ein Mann, der stark, kalt und gefühllos sein muss.
Ein Mann – in dieser Gesellschaft.
Die Gesellschaft sagt:
Du bist ein Mann.
Du musst stark sein.
Du darfst nicht weinen.
Und Liebe? Liebe ist Schwäche.
Erziehe mit Angst. Führe mit Kontrolle.
Du bist ein Mann.
Du hast eine Ehre – und die musst du um jeden Preis
bewahren.
Ein einziger Makel, ein Moment der Schwäche, und du
verlierst alles: Respekt, Stellung, Gesicht.
So wächst der Druck. So werden Gefühle begraben. So
entsteht ein Mann.
Doch er ist nur ein einsamer kleiner Junge.
Einer, der nie gelernt hat zu fühlen.
Der nie gelernt hat zu lieben.
Ich frag mich trotzdem…
Trägt er die Schuld daran?
Hat er sich entschieden, ein Mann zu sein – oder wurde
er dazu gemacht?


